Stress beim Hund

Stress bei Hunden

🐶Woher kommt das Wort Stress ?

Der ungarische Arzt Hans Selye, der Begründer der neueren Stressforschung, hat etwa 1950 den Begriff „Stress“ in die Medizin und die Psychologie eingeführt. Stress wurde von ihm als Leistung steigernde Anpassung auf körperliche oder seelische – akute oder andauernde – Belastungen definiert, die durch verschiedene „Stressoren“ hervorgerufen werden können. Das Wort kommt ursprünglich aus dem technisch-physikalischen Bereich, dem der Materialprüfung. „Stress“ bedeutet hier die Anspannung und Verzerrung von Metallen und Glas. Dieser plastische Begriff meint im seelischen Bereich etwas ganz ähnliches: Die Belastungen, Anstrengungen und Ärgernisse, denen ein Lebewesen täglich durch viele Umwelteinflüsse ausgesetzt ist.

🐶Was geschieht bei einer Stressreaktion ?

Entwicklungsgeschichtlich haben wir Menschen den Mechanismus, der Stress auslöst, zum Überleben dringend gebraucht. Sinn der Stressreaktion ist ursprünglich die Lebenserhaltung durch einen reflexhaften Angriffs- oder Fluchtmechanismus. Wenn Gefahr droht, kommt es zu einer immensen Kraftentfaltung und Kraftbereitstellung: Die Nebennieren schießen unter anderem das bekannte Stresshormon Adrenalin ins Blut. Die Tätigkeit des Sympathikus-Nervs wird gesteigert. Dadurch werden Energien in Muskeln und Gehirn freigesetzt, es erfolgt eine blitzartige „Mobilmachung“ aller Körperreserven. Puls, Blutdruck und Atemfrequenz steigen, der Magen-Darm-Bereich stellt die Verdauungsarbeit ein, aus den Blutreserveräumen werden sofort rote Blutkörperchen zum Einsatz geschickt, die eine Sauerstoffaufnahme und Kohlendioxydabgabe erleichtern sollen; der Blutgerinnungsfaktor nimmt zu. Innerhalb kürzester Zeit ist der Hund „kampf- oder fluchtbereit“. Es handelt sich also um eine notwendige und völlig natürliche Alarmreaktion, die automatisch bei jeder möglichen Gefährdung des Wohlergehens erfolgt und unsere Existenz sichert.

Eine Stressreaktion wird durch große körperliche Anstrengungen ebenso verursacht wie durch Erkrankungen und chirurgische Eingriffe, aber auch durch Furcht und Schmerz bis hin zu traumatischen Erlebnissen, aber auch durch ungünstige Umweltbedingungen, etwa Lärm oder Mobbing und andere psychosoziale Belastungen, die allesamt Umstellungen im Hormonhaushalt und bei andauernder Belastung oft sogar psychosomatische Erkrankungen zur Folge haben.

🐶Auslöser für Stress beim Hund

Stresshormone sind für Hunde genauso wie für uns Menschen nötig, um durch den Tag zu kommen, zu arbeiten und um dem Körper die notwendige Energie für die täglichen Dinge des Lebens bereitzustellen. Wenn allerdings zu viele dieser Hormone ausgeschüttet werden, z.B. bei Angst, Aufregung, Bedrohung oder Schmerzen, ist der Hund gestresst, da der Körper die Hormone in einer solchen Situation überdosiert.
Hunde empfinden Stress in Situationen, von denen sie meinen, sie nicht meistern zu können. Sie werden gestresst, wenn der Besitzer wütend oder gewalttätig wird oder auch durch Erregung, z.B. wenn ein Rüde den Geruch einer läufigen Hündin aufnimmt. Hunde, die von anderen gemobbt werden oder die nicht alleine bleiben können, empfinden Stress.

Dieser gestresste Zustand tritt auch ein, wenn sich der Hund bedroht fühlt, das heißt, wenn er mit Forderungen konfrontiert wird, die ihn stark fordern oder auch überfordern. Andere Auslöser sind: Angst, Überbeanspruchung z.B. bei der Erziehung und eine zu hohe Erwartungshaltung von Seiten des Hundebesitzers, Tierarztbesuch, neue Besitzer, Tierheim, Familienzuwachs, Scheidungen (also der Verlust eines Rudelmitgliedes), Ausstellungen usw. bilden Ereignisse (Stressoren), die eine Stressreaktion auslösen können. Hunde reagieren auf die Stresssituationen mir Erbrechen und/oder Durchfall und können auch Verhaltensauffälligkeiten zeigen. Sie urinieren oder koten in die Wohnung, zeigen aggressiveres Verhalten, sind nervös oder apathisch, um nur einige Beispiele zu nennen.

Stress ensteht immer in Situationen, in denen die Hunde fühlen, dass sie keinen Einfluss auf das Geschehen haben. Sie haben die Situation, in der sie sich befinden, nicht unter Kontrolle und wissen keinen Ausweg mehr.
Aber auch Dinge, die uns Menschen zunächst positiv erscheinen, wie z.B. Rennspiele, Ballspiele, Raufen und Toben erzeugen Stress, wenn sie übertrieben lange oder zu oft betrieben werden.
Viele Hundehalter meinen es ganz besonders gut mit dem Hund und fangen an, ihn zu überfordern, indem sie ihn permanent beschäftigen wollen. Besonders Besitzer von Arbeitshunden meinen es oft zu gut mit ihren Hunden, weil man ihnen schon vor der Anschaffung eines solchen Hundes eingeimpft hat, dass der Hund permanent Beschäftigung und Kopfarbeit braucht, um ausgelastet zu sein. Das ist auch richtig, aber Überforderung ist für den Hund genauso wie Unterforderung Stress! Ein Hund sollte durchschnittlich 17 Stunden am Tag ruhen können. Bitte beachten Sie das! Machen Sie lieber kürzere Übungseinheiten (ganz besonders wichtig bei jüngeren Hunden) und lassen Sie Ihren Hund schlafen, wenn er es möchte. Beobachten Sie auch hier Ihren Hund ganz genau. Er wird es Ihnen zeigen, ob er überfordert ist oder nicht.

🐶Beobachten Sie Ihren Hund genau !

Wenn Hunde Stresssymptome zeigen, kann das auf viele verschiedene Arten geschehen. Wird der Stress durch die Umgebung verursacht, können Sie das üblicherweise recht deutlich daran erkennen, dass der Hund Beschwichtigungssignale aussendet, um seine Umgebung und/oder sich selber zu beruhigen. Wenn Sie gelernt haben, Beschwichtigungssignale zu erkennen, können Sie auch dementsprechend reagieren und die Stresserzeugende Reaktion für ihren Hund entschärfen.

In dem Maße, in dem der Stress zunimmt, werden auch die Signale deutlicher, und wenn die Beschwichtigungsversuche nicht fruchten, wird der Hund schließlich zu distanzvergrößernden Signalen übergehen. Er wird versuchen, wegzulaufen oder, wenn er keine andere Möglichkeit mehr sieht, sich zu verteidigen. Es ist niemals notwendig, es so weit kommen zu lassen!
Beobachten Sie Ihren Hund, achten Sie darauf, wann die beschwichtigenden Signale Ihnen zu verstehen geben, dass Ihr Hund zunehmend gestresst ist, und helfen Sie ihm aus der Situation heraus. Ein frühzeitiges Eingreifen ist wichtig, um diese Entwicklung zu stoppen.

Wenn man Probleme lösen will, hat es keinen Sinn, die Symptome zu behandeln. Man muss die Ursachen finden. Deshalb ist es absolut grundverkehrt, Wasserpistolen, Antibell-Halsbänder und andere angebliche Wundermittel einzusetzen, bevor man überhaupt weiß, warum der Hund bellt und um welche Art von Bellen es sich handelt!

Finden Sie heraus, warum ihr Hund gestresst, ängstlich oder aggressiv gestimmt ist, indem Sie sich selbst und die Umgebung, die Sie ihrem Hund bieten, mit kritischen Augen betrachten. Auf diese Art und Weise können Sie vieles herausfinden. Manchmal kann es helfen, jemanden, der nicht zur Familie gehört, um eine Einschätzung zu bitten. Wir Hundebesitzer sind oft blind für das, was uns unmittelbar umgibt.

🐶Stress ist schädlich

Eine andere Sache ist, dass Hunde, die häufig gestresst sind und einen stets hohen Stresspegel haben, physische Probleme bekommen werden. Lebt der Hund im Dauerstress, so wird er aufgrund der andauernden Cortisol- und Adrenalinausschüttung krank werden. Es kommt z.B. zu Allergien (Stressallergie), Verdauungsproblemen (Durchfall, Erbrechen), Herz- und Kreislauferkrankungen und Krebs – genau wie beim Menschen.
Stress in jeder Form ist für den Hund IMMER belastend und sollte daher nach Möglichkeit vermieden werden bzw. durch geeignete Maßnahmen abgeschwächt werden.
Wichtig: Alle genannten Anzeichen können auch Symptome einer Erkrankung sein. Klären Sie also bitte ab, ob ihr Hund organisch gesund ist. Zum Beispiel kann das plötzliche Urinieren in der Wohnung auch ein Anzeichen für eine Blasenentzündung sein.

🐶Aggressivität durch Stress

Aggressivität gegenüber Hunden oder Menschen hat oft ihre Ursache in ständigem Stress, dem der Hund ausgesetzt ist. Wenn ein Hund ein hohes Stressniveau hat, weil er z.B. ständig im Kasernenhofton kommandiert wird, zu hohe Ansprüche erfüllen muss oder Wut und Aggression seines Besitzers zu erdulden hat, wird er ein hohes Maß an Verteidigungsbereitschaft zeigen. Diese Hunde legen Menschen oder anderen Hunden gegenüber oft ein aggressives, offensives Verhalten an den Tag.
Hunde lernen durch Verknüpfung. Wenn ein Hund an der Leine zurückgerissen wird, aneschrien wird, auf „platz“ kommandiert wird, sobald er einen anderen Hund entdeckt und vielleicht aus Eifer und purer Freude (jedenfalls anfangs) ein wenig bellt, wird dieser Hund sehr schnell andere Hunden mit Erfahrungen wie Wut, Schmerz und Unbehagen in Verbindung bringen. Er wird innerhalb kurzer Zeit gegenüber seinen Artgenossen Aggressivität und/oder Angst entwickeln.

    Stressauslösende Faktoren

  • unmittelbare Bedrohungen (durch Menschen, andere Hunde u.ä.)
  • Gewalt, Wut, Aggressionen in der Umgebung
  • an der Leine rucken, straffe Leine, zu kurze Leine
  • zu hohe Ansprüche beim Training und im Alltag
  • zu viel Bewegung (vor allem beim jungen Hund)
  • zu wenig Bewegung und Aktivität
  • Hunger, Durst
  • sich nicht entleeren zu dürfen, wenn er muss
  • Kälte (frieren) oder Wärme (schwitzen)
  • Krankheit und Schmerz
  • zu viel Lärm
  • Einsamkeit und Langeweile
  • schockartig auftretende Ereignisse
  • ein Übermaß an aufregenden Objektspielen (Bällen, Stöckchen)
  • ein Übermaß an aufregenden Sozialspielen (mit anderen Hunden, dem Menschen etc.)
  • plötzliche Veränderungen
  • Besitzerwechsel
  • häufiger Wohnortwechsel
  • Verlust eines Sozialpartners

    Wie erkennen Sie, ob ein Hund gestresst ist?

  • Rastlosigkeit, er kann nicht zur Ruhe kommen
  • Überreaktion auf Ereignisse (z.B. wenn es an der Tür klingelt)
  • Einsatz von Beschwichtigungssignalen
  • übertriebene Körperpflege (ständiges Lecken, Beißen, Kratzen etc.)
  • Dinge zerbeißen
  • Bellen, Jaulen, Winseln, Heulen
  • Durchfall, Erbrechen
  • Appetitlosigkeit
  • unangenehmer Körpergeruch, übler Geruch aus dem Maul
  • verhärtete Muskeln
  • plötzliches Auftreten von Schuppen
  • sich schütteln
  • Veränderung der Augenfarbe
  • dem eigenen Schwanz Hinterherjagen
  • schlechte Fellbeschaffenheit (Haarausfall, struppiges, stumpfes Fell etc.)
  • ungesundes Aussehen
  • Hecheln
  • Schlechte Konzentration
  • Zittern
  • häufigeres Urinieren als gewöhnlich
  • Allergien und andere Hautprobleme
  • Fixierung auf bestimmte Dinge (Lichtblitze, Fliegen etc.)
  • nervöses Verhalten
  • aggressives Verhalten
  • Übersprungshandlungen
  • abwesend wirken
  • Kratzen

🐶Was kann man tun, um den Stress zu reduzieren?

Hierfür gibt es kein Patentrezept. Es kommt ganz darauf an, welche Ursachen dem Stress zugrunde liegen. Ein paar grundlegende Vorschläge könnten jedoch sein:

  • dass wir die Umgebung des Hundes verändern
  • dass wir die üblichen Routineabläufe verändern
  • dass wir nicht strafen, übertrieben schimpfen, keine harten Erziehungsmethoden anwenden, nicht über den Leinenruck arbeiten
  • dass wir uns darin üben, die beschwichtigenden Signale bei Hunden zu erkennen, auf sie zu reagieren und sie selbst einsetzen
  • dass wir dafür sorgen, das die täglichen Bedürfnisse des Hundes befriedigt werden, das er zum Beispiel oft genug nach draußen kommt, frisches Wasser für ihn bereit steht etc.
  • dass wir rassespezifische Eigenheiten berücksichtigen
  • dass wir versuchen, ein ausgewogenes Maß an Bewegung/Aktivität und Ruhephasen für unseren Hund zu finden
  • dass wir unseren Hund so oft wie möglich an unserem Leben teilhaben lassen. Verbannen Sie ihren Hund nicht in den Flur, während Sie sich es im Wohnzimmer gemütlich machen. Lassen Sie den Hund nicht draußen stehen, während Sie in einem Gebäude sind. Hunde sind Rudeltiere und haben das große Bedürfnis, mit Ihrem Rudel zusammen zu sein.

Angst kann Stress bei Hunden verstärken. Stress aktiviert die Verteidigungsbereitschaft, die wiederum mehr Angst beim Hund hervorruft. Wir müssen diesen Teufelskreis durchbrechen, wenn wir etwas Positives erreichen wollen. Wählen Sie den besseren Weg, indem Sie auf jede Gewalt, übertriebene Bestrafung, Wut und Aggression gegenüber dem Hund verzichten. Fangen Sie an, beschwichtigende Signale einzusetzen und sich freundlicher zu verhalten. Ihr Hund wird es verstehen und ihnen antworten. Und er wird sich wohler fühlen, genau wie Sie auch. Sich wohler zu fühlen ist ein guter Start in ein neues Leben.

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